Reinhard Stangl, der Maler

Erotik der Exotik und die Macht der Nacht

Schicksalssprünge und Zitrusfrüchte in Oldenburg: Das Landesmuseum zeigt Werke von Reinhard Stangl

reinhardReinhard Stangl: ´Fluch des Renegaten´ (Ausschnitt), 2007.
26.02.2009 · Von Johannes Bruggaier

OLDENBURG (Eig. Ber.) Man kann Reinhard Stangl nicht vorwerfen, sich um eine klare Titelgebung zu drücken. “Zitronen I” hat er sein 2002 entstandenes Gemälde genannt. Auf ihm zu sehen: Zitronen. Derart zitronig, wie man nur selten diese Früchte zu sehen bekommt. Und in einem Farbton, der keinen Zweifel daran lässt, weshalb er landläufig mit “Zitronengelb” bezeichnet wird. Ist das nun eine Spätform des Realismus oder gar seiner übersteigerten Form in der Pop-Art? Ist es ein neoimpressionistischer Ansatz, der ein medial überreiztes Rezeptionsorgan offenbart? Oder handelt es sich einfach bloß um dekorativen Kitsch für die Küchenzeile?

Ist das nun eine Spätform des Realismus oder gar seiner übersteigerten Form in der Pop-Art? Ist es ein neoimpressionistischer Ansatz, der ein medial überreiztes Rezeptionsorgan offenbart? Oder handelt es sich einfach bloß um dekorativen Kitsch für die Küchenzeile?Im Oldenburger Landesmuseum bleiben diese Fragen unbeantwortet. Denn tatsächlich bewegt sich Stangls Kunst mal am Rande romantischer, oder besser: romantisierender Ästhetik – um dann wieder mit einem zutiefst gegenwärtigen, kritischen Impetus zu überraschen. Wie aus einem Reisekatalog der siebziger Jahre etwa mutet seine dunkelhäutige Schönheit an, die sich auf einem mit orange und gelben Linien skizzierten Strand sonnt. “Mulatta” (2008) lautet der Titel des Bildes, der den Betrachter rätseln lässt, ob hier der Erotik der Exotik gehuldigt werden soll, oder ob Stangl im Gegenteil ihre kritische Reflexion einfordert.

Letzterer Fall scheint unzweifelhaft in seinem Gemälde “Siegessäule” (2007) vorzuliegen. Vor tiefbraunem Hintergrund – die NS-Geschichte lässt grüßen – erstrahlt das Berliner Denkmal in poppig-strahlendem Rot. Nicht weniger strahlende rote Linien auf der rechten Seite der Straße des 17. Juni sowie weiße Streifen auf der linken suggerieren fotografische Belichtung: der Glamour Berliner Nachtaufnahmen gepaart mit der Allgegenwart historischer Schuld.

Nah an der Dekoration wiederum erscheinen “Die Schönen der Nacht” (1988). Vor tiefblauer Kulisse werden die tiefbraunen bis schwarzen Silhouetten zweier geheimnisvoller Grazien sichtbar. Dass sie nackt sind, lässt sich aufgrund sanft geschwungener Konturen erahnen. Auf ihren Häuptern ruhen scheibenförmige Gebilde von bedenklicher Größe. Dass es Hüte sind, will der Betrachter vermuten, dass es sich um exotische Frisuren handeln soll, steht indes zu befürchten. Immerhin: Mit ihrer alles überdeckenden Dunkelheit und daraus folgenden Erweckung der menschlichen Neugier demonstriert die Nacht auf ebenso schlichte wie wirkungsvolle Weise ihre Macht.

Vollends bilderbuchhaft wird Stangls Ästhetik, wenn er ein Zirkustier (ist es ein Löwe? Ist es ein Tiger?) vor einem brennenden Reifen zeigt. Der “Schicksalssprung” (2007) offenbart sich als solchermaßen schicksalsträchtig, dass die Manege im Hintergrund gefährlich rot aufleuchtet.

Erschlagen von derart farbintensiver Plakativität entscheidet sich der Ausstellungsbesucher am Ende doch, die Exponate mehr in ihrer illustrierenden denn tiefenwirksamen Wirkung aufzufassen. Sein Bewusstsein für Effekte nämlich demonstriert Stangl nur allzu eindrucksvoll. Nach Bedeutungsebenen jenseits des optischen Reizes hingegen sucht man meist vergebens.

Bis 8. März im Landesmuseum Oldenburg. Öffnungszeiten: Di., Mi., Fr. 9-17 Uhr, Do. 9-20 Uhr, Sa. u. So. 10-17 Uhr.

Quelle: http://www.kreiszeitung.de/kulturalles/00_20090226003015_
Erotik_der_Exotik_und_die_Macht_der_Nacht.html (09-02-26)


Vernissage von Reinhard Stangl

Der Berliner Maler Reinhard Stangl lädt am 30. September 2017 ein zur umfassenden Werkschau auf 700 Quadratmetern, mit Bildern der vergangenen Jahre und neuen Arbeiten. Stangl ist bekannt für seine großformatigen Momentaufnahmen der Berliner Bohème, sinnliche Naturszenen und Landschaftsmalerei sowie für die opulent bis feingeistige Darstellung politisch-gesellschaftlicher Gegenwarts-Schlachtfelder.
Sonntag ab 16 Uhr in 14979 Großbeeren (GVZ), Hauptstraße 6.

One Response to “Reinhard Stangl, der Maler”

  1. Kloster Unser Lieben Frauen Says:

    Das Magdeburger Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen wird am 6. September mit einer Ausstellung des in Berlin lebenden Malers Reinhard Stangl wiedereröffnet. Das Haus war wegen Sanierungsarbeiten etwa ein halbes Jahr lang geschlossen. In dieser Zeit wurde das Foyer neu gestaltet, wie das Museum am Dienstag mitteilte. Weitere Arbeiten stünden an, dieses Mal allerdings bei laufendem Betrieb. Unter dem Titel «Citronengelb & Nachtschwarz» sind bis zum 3. Januar 2010 Werke von Stangl aus den vergangenen zehn Jahren zu sehen – darunter der «Alltag in der Stadt, aber auch die Idyllen der Natur, die Vieldeutigkeit im Stillleben», wie es hieß.




© Werner Stangl Linz 2019